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Tagesspiegel - 22.07.08 Drucken

SCHUL-ARCHITEKTUR

von Rita Nikolow

Die eigene Aula planen - Künftige Siebtklässler der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum gingen unter die Architekten: Mit Unterstützung von Profis entwarfen sie Räume zum Wohlfühlen.


Jakob Lobach weiß, wovon er spricht: „Wir haben die Träger extra in schräger Form gebaut, damit in der Mitte die Spannweite nicht so groß ist“, erklärt der Zwölfjährige und zeigt auf das kleine Holzmodell, das vor ihm auf dem Tisch steht. Gemeinsam mit anderen Sechstklässlern, die nach den Ferien auf die Evangelische Schule Berlin-Zentrum wechseln, hat Jakob sich darüber Gedanken gemacht, wie die künftige Aula der Schule aussehen könnte. Wenn es nach dem Willen der Schüler geht, soll das Gebäude 30 Meter lang, 15 Meter breit und sieben Meter hoch werden, und das Dach soll aus Glas sein. Ganz allein haben die Schüler das Modell natürlich nicht geplant – auch wenn sie es so empfinden.

Der Architekt Peter Hübner hat den Schülern in zwei Tagen offensichtlich alles beigebracht, was sie wissen müssen. „Der Statiker meinte, das Modell wäre perfekt“, sagt der künftige Siebtklässler Jakob stolz. Peter Hübner baut seit 30 Jahren Schulgebäude mit denen, die später darin lernen sollen. „Das Bauwerk kündet davon, dass es mit Liebe gemacht wurde“, sagt er.

Ein bisschen Liebe kann das Schulgebäude, ein Plattenbau in der Wallstraße, tatsächlich noch gebrauchen: Im letzten August ist die erste siebte Klasse der neu gegründeten Evangelischen Schule Berlin-Zentrum in die Räume einer ehemaligen Oberschule eingezogen. Mittlerweile ist eine weitere siebte Klasse hinzugekommen, und nach den Ferien wird daraus eine Gemeinschaftsschule. Für ihre Schüler hat Direktorin Margret Rasfeld die Baupiloten ins Haus geholt – eine Gruppe von Architekturstudenten der TU Berlin, die unter Leitung der freien Architektin Susanne Hofmann Bauprojekte entwickeln und umsetzen. Schon die Erika-Mann-Grundschule in Wedding und die Kreuzberger Kita „Traumbaum“ haben die Studenten durch Ein- und Umbauten in Gebäude verwandelt, in denen die Kinder sich gerne aufhalten.

Damit auch die neue Aula ein Ort zum Wohlfühlen wird, sind die Studenten mit den Siebtklässler auf die „Suche nach Atmosphäre“ gegangen: „Wir müssen etwas rauskitzeln, was wir architektonisch verwenden können“, sagt die Architekturstudentin Margit Sichrovsky. Deshalb sind die Gruppen filmen gegangen. An Orte, die den Siebtklässler wichtig sind: die Halfpipe, der Alexanderplatz oder der Wasserfall im Viktoriapark. „Die Filme haben wir dann auseinandergenommen“, sagt Margit Sichrovsky. Im „Büro“ der Baupiloten im Schulgebäude hängen ausgedruckte Schnappschüsse einiger Filmszenen. In diese Szenen haben die Baupiloten Fotos der Schüler hineinmontiert – so dass diese jetzt auf Blüten im Viktoriapark sitzen oder in der Halfpipe umherfliegen. Daneben kleben Listen mit Adjektiven. „So können die Schüler beschreiben, was ihnen an den Orten gefällt“, sagt die Baupilotin Giulia Tubelli. Die Halfpipe beschreiben die Schüler auf dieser Liste zum Beispiel als dynamisch und wuselig.

Inzwischen sind aus der Suche nach „Atmosphäre“ Modelle hervorgegangen, die auf dem Schulsommerfest vor den Ferien präsentiert wurden. Ob eines davon tatsächlich verwirklicht wird, ist nach Auskunft von Schulleiterin Margret Rasfeld allerdings noch unklar. Aber Jakob und die anderen Schüler haben auf alle Fälle eine Menge gelernt.

 
Berliner Woche - 02.04.08 Drucken

Eine Schule für alle
von Helga Labenski

Am 1. September starten 16 Berliner Bildungseinrichtungen einen Modellversuch als Gemeinschaftsschulen / Das Projekt ist umstritten

Berlin. Dem Pisa-Debakel und der Perspektivlosigkeit an Hauptschulen will der rot-rote Senat ein Modellversuch mit Gemeinschaftsschulen entgegensetzen. Kinder sollen von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss gemeinsam lernen – ohne „Sitzenbleiben“ und ohne Differenzierung zwischen Haupt- und Realschülern oder Gymnasiasten.

Taras Wangen sind vor Eifer gerötet. Begeistert zeigt die zierliche Siebtklässlerin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum den Ordner zum Fach Deutsch: „Wir haben zum Beispiel das Gedicht ‚Der Zauberlehrling’ analysiert, es auswendig gelernt und vor den anderen vorgetragen. Dann habe ich einen Test geschrieben“, erklärt die dunkelblonde Dreizehnjährige stolz die Aufgaben, die sie im sogenannten Lernbüro schon gemeistert hat.
Seit Anfang Februar erarbeitet die evangelische Schule Berlin Zentrum die Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik mit solchen Lernbüros. Allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen erarbeiten die Kinder den Lehrstoff in freier Zeiteinteilung. Lehrer stehen für Fragen bereit und achten darauf, dass das Pensum erfüllt wird.
Das Projekt ist ein Vorgeschmack auf den Modellversuch einer Gemeinschaftsschule, von der sich Bildungspolitiker eine individuelle Förderung der Kinder versprechen. Die freie Schule an der Wallstraße ist eine von 16 Berliner Schulen an elf verschiedenen Standorten (siehe Infokasten), die in einer ersten Versuchsphase die „Schule für alle“ vom 1. September an testen werden.
In einer Zeit, in der es auf lebenslanges Lernen ankomme, müsse die Schule die Kinder zu Eigenverantwortung erziehen und ihnen mit Erfolgserlebnissen Selbstbewusstsein geben, ist Margret Rasfeld, Leiterin der Evangelischen Gesamtschule, überzeugt. Die 56-Jährige steht voll und ganz hinter der Gemeinschaftsschule. Nach 30 Jahren im Schuldienst hat die dunkelhaarige Frau vor einem Jahr ihre Position als Leiterin einer Essener Gesamtschule aufgegeben, um an der freien Schule in Mitte noch einmal eine neue Herausforderung anzunehmen. Die braunen Augen funkeln empört, wenn die Pädagogin vom deutschen Bildungswesen spricht: „Ein Drittel der Jugendlichen scheitert in unserem Schulsystem. Das zu ändern, ist eine große Zukunftsaufgabe.“
In Gruppen von 25 Schülern sollen die Kinder neben Lernbüros auch Projektunterricht und Lernwerkstätten für Pflichtkurse und Kurse nach persönlichem Interesse besuchen – von der dritten Fremdsprache bis zur Sport. Zertifikate belegen den Lernerfolg. „Die Schüler sind ganz wild auf die Zertifikate“, hat Rektorin Rasfeld festgestellt.
Auch Tara und ihre Mitschülerin Ronja (13) zeigen voller Stolz ihre Bescheinigungen über den Lernbaustein deutsche Literatur. Für Ronja ist es jedoch noch schwer, sich die Zeit richtig einzuteilen. Zu groß sei die Ablenkung in den Gruppenräumen. Dabei gibt es strenge Regeln: „Ich bleibe an meinem Platz“ oder „Ich führe keine Privatgespräche“ steht auf der langen Liste für das richtige Verhalten im Lernbüro.
Das Konzept der Evangelischen Schule ist jedoch nur ein Beispiel für die Arbeit in den neuen Gemeinschaftsschulen. In der Modellphase wird jede Berliner Gemeinschaftsschule nach eigenen Unterrichtsmethoden arbeiten. Jahrgangsübergreifender Unterricht ist möglich, aber nicht zwingend. Im Unterschied zur Gesamtschule, mit der die Gemeinschaftsschule oft verglichen wird, soll es keine nach Leistung differenzierten Gruppen mehr geben. Ein Probehalbjahr ist nicht mehr vorgesehen.
In der siebten und achten Klasse können die Schulen auch auf Zeugnisse verzichten. „Wir geben den Lehrern eine Kiste voll Werkzeug. Welche sie benutzen, ist ihnen überlassen“, beschreibt Bildungssenator Jürgen Zöllners (SPD) das Konzept.
Rund 1000 Anmeldungen
Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hatte mit rund 200 Anmeldungen für die geplanten 75 Plätze die meisten Interessenten unter den künftigen Gemeinschaftsschulen. Rund 1000 Kinder sind bisher nach Angaben der Senatsschulverwaltung für die siebten Klassen der neun weiterführenden Schulen angemeldet, die sich an dem Testlauf beteiligen werden. Welche Eltern die entsprechenden Schulen nur wegen der Wohnortnähe ausgewählt haben und welche gezielt für ihr Kind eine Gemeinschaftsschule wollten, gibt die Statistik nicht her. Nur die Evangelische Schule Berlin Zentrum und die Anna-Seghers-Oberschule im Bezirk Treptow-Köpenick hatten mehr Neuanmeldungen als im vorangegangenen Schuljahr.
In der freien Schule Berlin Zentrum hatte mehr als ein Drittel eine Gymnasialempfehlung – wichtige Voraussetzung, um die Idee einer Schule für alle zu realisieren. Wie viele der Kinder mit Haupt-, Realschul- oder Gymnasialempfehlung an die anderen Berliner Gemeinschaftsschulen kommen, sei noch nicht ausgewertet, so Bernhard Kempf, Sprecher von Bildungssenator Zöllner. Die etwa 1000 Anmeldungen bezeichnet Kempf aber „als sehr großen Erfolg“.
Die Opposition ist weniger begeistert. Die CDU betrachtet die Berliner Gemeinschaftsschule schon als gescheitert, bevor der Modellversuch überhaupt begonnen hat. Dass sich keine Gymnasien an dem Schulversuch beteiligen und auch nicht alle Oberschulen Grundschulen als Partner gefunden hätten, zeige, dass das Vorhaben Gemeinschaftsschule bei Schülern, Eltern und Lehrern „kaum positive Resonanz“ finde, so der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Sascha Heuer. Auch der Landeselternrat findet, dass die Gemeinschaftsschulen keinen guten Start haben, weil zu wenige Bildungseinrichtungen beteiligt sind.
Am „Runden Tisch Gemeinschaftsschulen“, den rund 30 Lehrer, Verbandsvertreter, Bildungspolitiker und Gewerkschafter gegründet haben, um die Idee der Gemeinschaftsschule so weit voranzubringen, haben bisher keine Elternvertreter Platz genommen. „Es ist noch nicht ausreichend gelungen, die Eltern einzubeziehen“, räumt Sprecherin Marliese Seiler-Beck ein. Schulleiterin Margret Rasfeld überrascht die Zurückhaltung der Eltern nicht. Die Gemeinschaftsschule müsse sich erst beweisen, sagt sie und sprüht dabei vor Tatendrang.

 
klasse, die Evangelische Schule - Ausgabe 1-2008 Drucken

von Thomas Bastar, freier Journalist in Hamburg und leitender Redakteur von „klasse, die Evangelische Schule“ 

Margret Rasfeld sprüht vor Ideen. „Wir könnten ein Welt-Café gründen“, sagt die Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum als Beispiel für mögliche Zusammenarbeit mit der benachbarten Kirchengemeinde. Die Schule könnte sich bei der Obdachlosenarbeit der Gemeinde beteiligen. Oder in der Marienkirche ein politisches Nachtgebet initiieren. „Sie wissen doch, genau vor vierzig Jahren beim Katholikentag in Essen, da hat Dorothee Sölle diese Art Gottesdienst begründet.“

Alles noch reine Ideen. Wie so vieles an der neuen Schule. Seit acht Monaten gibt es die weiterführende Schule im Stadtzentrum Berlins. Zunächst startete Rasfeld mit einer 7. Klasse, im Februar ist die zweite 7. Klasse dazugekommen. Im nächsten Schuljahr werden drei weitere Klassen folgen. Die Initiative zur neuen Schule ging aus von Eltern der evangelischen Grundschulen Mitte, Lichtenberg und Pankow. Sie wollten, dass das Modell eines integrativen, reformpädagogischen und jahrgangsübergreifenden Unterrichts nicht mit Klasse 6 endet.

Das endgültige Konzept der weiterführenden Schule ist noch im Werden. Klar ist nur, dass in dem Plattenbau in der Wallstraße vieles anders wird als anderswo. Noch haben die Schülerinnen und Schüler einige Stunden normalen Fachunterricht. Aber in einigen Monaten, erklärt die Schulleiterin, soll der Unterricht nur noch aus Projekten, Freiarbeit und „Werkstatt“ bestehen. Im Werkstattunterricht am Nachmittag beschäftigen sich die Jugendlichen mit Naturwissenschaften, Kunst und Musik. Projekte sind zeitlich begrenzt, allerdings sehr unterschiedlich lang: Baseball spielen – sechs Monate, Französisch lernen – vier Jahre, bei einem Künstler im Atelier mitarbeiten – drei Monate. Die Freiarbeit – zwei Stunden an jedem Schultag – nennt sich hier „Lernbüro“. Oder „Basics“. Um deutlich zu machen, so Rasfeld, dass die dabei erworbenen Fähigkeiten eben die Basis für alles sind: Deutsch, Mathematik, Englisch. Die Materialien dafür haben die Lehrerinnen in vielen Abendstunden weitgehend selbst erstellt.

Am Morgen verteilen sich nach einer kurzen Gruppenphase 44 Schülerinnen und Schüler auf drei Räume. Jetzt können sie wählen,
ob sie sich die nächsten eineinhalb Stunden mit Balladen, Berichten oder Rechtschreibung beschäftigen. Oder entsprechend mit Themen aus Mathematik und Englisch. In den Schulräumen steht dafür Material bereit, mit dem die Schüler weitgehend selbstständig lernen können. Die „Fünf Fragen des guten Berichts“ finden sich im Klassenraum auf einem Plakat an der Wand. Für das Thema Ballade gibt es einen Ordner, in dem die Schüler unter anderem CDs mit vertonten Projekte, Lernbüro, Werkstatt: die neue Schule
schafft den herkömmlichen Fachunterricht ab Balladen finden. Eine Ballade sollen die Schüler auswendig lernen. Für bessere und schnellere Schüler gibt es zusätzliche Aufgaben.

Die wichtigste Regel im „Lernbüro“: Erst die Mitschüler um Hilfe fragen. Eine Lehrerin steht in jedem Fachraum für Fragen der Schüler aber auch bereit. „Das Auswählendürfen ist ja eigentlich nur ein Trick, denn lernen müssen sie das meiste irgendwann ja doch: 18 Bausteine pro Fach innerhalb von drei Jahren“, sagt Rasfeld. „Aber wer wählen darf, lernt gleich viel lieber.“ Vor allem entscheiden die Schüler selbst, wann sie sich zum Test anmelden. Für jeden Baustein gibt es ein Zertifikat. Je nach Thema müssen die Schüler dazu Arbeitsunterlagen vorlegen, einen Vortrag halten, mit anderen ein szenisches Spiel vorführen oder einen schriftlichen Test absolvieren.

In den Klassen hat mittlerweile jeder seine Aufgabe gefunden. Einige sprechen mit gedämpfter Stimme, die Lehrerinnen wenden sich einzelnen Schülern zu. Ein Junge geht im Flur auf und ab. „Hast du eine Flurkarte?“, fragt ihn Caroline Treier, die Deutsch, Gesellschaftskunde, Musik und Kunst unterrichtet. Der Junge hat die „Flurkarte“. Er macht nämlich gerade ein „Laufdiktat“.

Dem nicht Eingeweihten erscheint hier vieles fremd. „Laufdiktat“ ist eine Methode, selbstständig Rechtschreibung zu üben. Der Schüler liest einen Satz eines Plakattextes, geht zu seinem Platz und schreibt ihn dann auf. Dann der nächste Satz und so fort. Andere Methoden sind Partnerdiktate oder Dosendiktate.

Noch sind es überwiegend Schüler mit Gymnasialempfehlung, die die beiden Klassen bevölkern. Doch für das nächste Schuljahr sind Kinder „von hochbegabt bis lernbehindert“ angemeldet, sagt Rasfeld. Auch körperbehinderte Kinder sind dabei. Das sei für ihre Schule nicht leicht zu bewältigen, denn anders als staatliche Schulen erhält die evangelische Schule keine zusätzlichen Sonderpädagogenstunden. Dennoch will Rasfeld im nächsten Schuljahr auf einer halben Stelle eine Sonderpädagogin einstellen. Finanzieren kann sie das nur, weil ihre Schule ins Berliner Modellprojekt der „Gemeinschaftsschulen“ aufgenommen wurde, für das die Stadt einige zusätzliche Lehrerstunden gewährt. Mindestens 20 Prozent Schüler mit Hauptschulempfehlung soll eine „Gemeinschaftsschule“ aufweisen. Ab dem nächsten Schuljahr wird die neue Schule diese Quote erfüllen. Und eine Doppelbesetzung in vielen Stunden ist möglich, weil im reformpädagogischen Unterricht die in Gesamtschulen üblichen Differenzierungskurse in den Hauptfächern wegfallen.

Schüler mit Handicap gibt es allerdings schon jetzt an der Schule Berlin-Zentrum. Solche mit Lese-Rechtschreib-Schwäche etwa. Für sie hat die Deutschlehrerin spezielle Arbeitsblätter erstellt. Bei Diktaten erhalten sie als Erleichterung einen vorgeschriebenen Text mit Lücken. „Eine Schülerin hatte starke Hemmungen, als sie hierherkam, aber jetzt hat sie keine Angst mehr“, berichtet Caroline Treier. Eigentlich sollte sie ein spezielles Zertifikat für Rechtschreibung erhalten. „Aber sie hat geübt und dreimal den normalen Test gemacht – bis sie ihn bestanden hat.“

Auch zwei Schulverweigerer, die drei Monate lang die Schule geschwänzt haben, weil sie mit dem Stress auf dem Gymnasium nicht fertig wurden, besuchen seit einigen Wochen die Schule. „Sie fielen von Anfang an überhaupt nicht auf. Ich wusste zuerst gar nicht, dass sie schon dabei waren“, sagt Treier. Ebenso sind die Jugendlichen mit Migrationshintergrund hier unauffällig. Immerhin rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben ausländische Wurzeln, aber alle sprechen perfekt deutsch.

Dennoch hält die Schulleiterin interkulturelle Arbeit für eine wichtige Aufgabe der Schule. Und sucht dafür – wie für so viele andere Projekte – außerschulische Partner. „Lernen, zusammen zu leben, ist eines unserer Schulziele“, sagt Rasfeld. Das lerne man am besten, wenn die Heterogenität möglichst groß sei. „Das Andersseindürfen ist eine Grunderfahrung bei uns.“ Die drei Eckpunkte aus dem Schulprogramm der Gesamtschule, die Rasfeld früher geleitet hat, möchte sie auch für ihre neue Schule übernehmen: Lernen, Wissen zu erwerben; lernen, zusammen zu leben; lernen, zu handeln. Und wie die staatliche Gesamtschule in Essen soll auch ihre neue Schule eine „Agenda-Schule“ werden, die sich besonders an den Herausforderungen der Agenda 21 orientiert, dem umwelt- und entwicklungspolitischen UN-Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert.

„Die Agenda 21 ist eine Konkretisierung des Evangeliums“, betont die Schulleiterin, „ein zentraler Punkt unseres evangelischen Profils.“ Daneben prägen Gottesdienste, Gebete, die „Haltung, in der wir miteinander umgehen“, und die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde das Profil. Und dass die Schüler sich im Gemeinwesen engagieren. Das „Projekt Verantwortung“ ist darum keine Nebensache, sondern ein wichtiges Element des Unterrichts. Hier machen die Siebtklässler Besuche im Altenheim, führen Kindergartenkindern naturwissenschaftliche Experimente vor, fungieren als „Spielplatz-Paten“ oder klären Grundschüler darüber auf, welches Umweltpapier wirklich umweltfreundlich ist.

Den großen Zulauf, den die Schule schon gefunden hat, erklärt sich die engagierte Pädagogin damit, dass ihre Schule nicht nur reformpädagogische Methoden, sondern auch eine besondere Sinngebung anbietet. „Oft ändert sich in Schulen nicht viel, weil sich die Strukturen nicht ändern“, resümiert die 56-Jährige die schulpolitische Situation in Deutschland. Es werde gefragt: „Ist der Schüler gut genug?“ Und nicht: „Wo liegen seine Stärken?“ Das sei eben an ihrer Schule anders. Hier lautet die Botschaft: „Ich kann!, statt: du sollst!“

Tatsächlich ist das immer wieder zu spüren. Am Ende jeder Woche sitzen alle Schülerinnen und Schüler in der Klasse im Kreis und sagen reihum, worauf sie stolz sind. „Ich bin stolz auf mein Mathe-Zertifikat, denn das war sehr gut“, sagt Nicolas. „Dass ich mit dem Ordner Dreiecke fertig geworden bin“, schließt sein Nachbar an. Leander zögert: „Eigentlich bin ich gerade auf nicht so viel stolz“, sagt der Junge. „Worauf könnte Leander stolz sein?“, fragt Caroline Treier in die Runde. Shana meldet sich: „Ich habe gehört, wie er die Ballade geübt hat. Das war sehr laut und sehr gut betont.“ Leander guckt noch etwas ungläubig. „Meinst du, das war eher negativ oder positiv gemeint?“, fragt die Lehrerin. „Negativ“, sagt Leander leise. „Ich glaube, das war positiv gemeint“, erwidert die Lehrerin. Und die Mitschülerin nickt dazu.

Das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler stärkt auch,dass sie in vielen Fragen mitentscheiden dürfen. Im wöchentlichen „Klassenrat“ beraten sie über alles, was sie betrifft, die Neugestaltung des Pausenhofs wie Regeln für das Verhalten im Lernbüro.

Die Schulversammlung ist ein weiterer Ort der Mitsprache. Bisher ist es nur ein kleiner Kreis von gut 40 Jugendlichen und einigen Lehrerinnen, die sich am frühen Nachmittag im Versammlungsraum einfinden. Zwei Schüler moderieren. „Herzlich willkommen“, sagt Lukas zu Beginn. „Zuerst hören wir Ronja am Klavier.“ Gekonnt fliegen die Hände der Siebtklässlerin über die Tasten. Im Saal ist es still. Dann leitet der Moderator über zum „Tagesordnungspunkt Lob“.

Margret Rasfeld steht auf. „Ich will Henriette loben. Du hast dich beim Prozentrechnen sehr angestrengt, und ich glaube, jetzt hat es Klick gemacht. Und du hast den Test bestanden.“ Eine Schülerin erhebt sich, um „Ben und Jakob zu loben, weil sie sich für die Planung des ,Projekts Herausforderung‘ so stark eingesetzt haben“. Und Nicolas lobt Tarik dafür, dass er auf „etwas Wichtiges“ verzichtet habe, um seine Geburtstagsfeier zu besuchen. Anschließend wird diskutiert – darüber, ob sich die Schule an einer Briefkampagne zum G8-Gipfel im Sommer beteiligen soll. Das Gebet zum Abschluss hätten die Moderatoren fast vergessen. Margret Rasfeld erinnert sie. „Wir beten noch ein Vaterunser“, sagt Lukas. Alle stehen auf.

Ein schwarzhaariger Junge will nicht aufstehen. Er sei doch Muslim. Caroline Treier ermahnt ihn: „Du kannst auch aufstehen und still für dich ein Gebet sprechen.“ Das tut er dann auch. Alles ist hier eben noch neu und gewöhnungsbedürftig. Aber das Zusammenleben funktioniert schon ganz gut.

 
die Kirche - 13.01.08 Drucken

Schule ohne Verlierer

Die weiterführende evangelische Schule in Berlin-Mitte hat viel vor.
Und sie nimmt noch Schüler auf

Langsam rückt der Termin heran, an dem sich Eltern entscheiden müssen, welche weiterführende Schule ihr Kind nach der Grundschule ab dem Sommer besuchen soll. Für Menschen, für die Berlin-Mitte in erreichbarer Nähe liegt, gibt es seit vergangenem Jahr eine neue Möglichkeit: die evangelische Schule Berlin-Zentrum in der Wallstraße. Hier lernen alle Kinder zusammen, eine Auslese nach Leistung gibt es nicht.

Von Amet Bick  In eine der typischen DDR-Neubauschulen zog im vergangenen August die evangelische Schule mit einer 7. Klasse ein. Die Eltern und die Schulleitungen der drei evangelischen Grundschulen in Mitte, Lichtenberg und Pankow wollten für ihre Kinder auch eine weiterführende Schule mit evangelischem und einem ähnlichen pädagogischen Profil und machten sich an die Gründung. Herausgekommen ist eine ungewöhnliche Schule, die mit ihren Kindern viel vor hat. In der Gemeinschaftsschule lernen alle Kinder gemeinsam, eine Einteilung in Gymnasium, Realschule und Hauptschule gibt es nicht. Auch nicht durch die Hintertür, indem die Kinder je nach Leistung in Kurse eingeteilt werden, wie das in der Gesamtschule geschieht. „Diese Einstufungen entsprechen nicht den Möglichkeiten der Kinder“, sagt Margret Rasfeld, Leiterin der Schule und eine der beiden momentan fest angestellten Lehrer. In Deutschland, das hat die Pisa-Studie gezeigt, ist die Schulbildung immer noch abhängig von der Herkunft: Kinder aus bildungsfernen Familien geraten auf die Hauptschule, Akademikerkinder machen Abitur.  Für Margret Rasfeld ist das ein Skandal, weil vielen Kindern dadurch die Chance auf Entwicklung und Selbstbewusstsein genommen wird. Schon früh, so ist ihre Erfahrung, beziehen Kinder ihr Selbstwertgefühl aus der Schule, die sie besuchen. Ein Glück für die, die auf das Gymnasium gehen. Aber Hauptschüler fühlen sich als Verlierer und werden es ja auch oft. In der evangelischen Schule, die sich als Reformschule versteht, soll das nicht passieren. „Ich habe schon viele Jugendliche mit Hauptschulempfehlung zum Abitur gebracht“, sagt Margret Rasfeld entschieden. Die Lehrerin hat bereits eine Schule in Essen gegründet und geleitet und war als Leiterin für die Reformschule der Sängerin Nena in Hamburg im Gespräch.  Nun gehören die Eltern, die eine Schule gründen, natürlich zu den eher gebildeten, motivierten und fördernden. Die 25 Kinder, die sich in der ersten 7. Klasse der evangelischen Schule zusammenfinden, kommen aus einem recht homogenen Milieu. Doch mit dem nächsten Schuljahr soll das anders werden. Denn je unterschiedlicher die Menschen sind, desto besser kann man Toleranz und Zusammenleben lernen, findet Margret Rasfeld. Und das sei unverzichtbar im 21. Jahrhundert.  Überhaupt will man an der Schule die Probleme der Welt angehen, statt sie zu verdrängen. Im Flur hängen Texte zum Thema Gewalt. Auf der Info-Veranstaltung berichten Schüler, warum es so viel besser ist, Umwelt-Papier zu benutzen, statt das blütenweiße.  Das Interesse an der Schule ist groß. Auf den drei bisherigen Informationsveranstaltungen waren fast 400 Eltern und Kinder. Die drei geplanten neuen 7. Klassen sind schon so gut wie voll. Auch eine weitere 8. Klasse soll hinzukommen. Der jahrgangsgemischte Unterricht, der zum pädagogischen Konzept gehört, ist dann möglich. Individuell und gemeinsam sollen die Schüler lernen, jeder nach seinem Tempo und Vermögen, und trotzdem in der Gruppe. Noten werden erst ab der 9. Klasse vergeben.  Die, die gut mitkommen, müssen sich um die kümmern, denen der Stoff schwer fällt. Handeln lernen, Verantwortung übernehmen, für Margret Rasfeld gehört das ebenso zum Lehrplan wie Mathe und Französisch. In der Schule, aber auch in Praktika in Kindergärten, Altenheimen und Behinderteneinrichtungen wird soziales Verhalten geübt. Margret Rasfeld hat noch viele Pläne. Eine Aula braucht sie für Versammlungen der Schüler, ein Eine-Welt-Café möchte sie eröffnen, vielleicht gemeinsam mit der Kirchengemeinde St. Marien/St. Petri. Übrigens werden noch Lehrer gesucht, die Lust und Energie haben, die Schule mitzuentwickeln.  Ende der Anmeldefrist für das Schuljahr 2008/2009 ist der 6. Februar. Evangelische Schule Berlin Zentrum, Wallstraße 32, 10179 Berlin-Mitte Telefon (030) 24630378,  im Internet: www.wesb.de
 
Tagesspiegel - 29.11.07 Drucken

Die Gemeinschaftsschule kann starten

Elf Bewerber sind beim Modellprojekt dabei, hat der Bildungssenator entschieden.
Darunter ist auch die Evangelische Schule Mitte.
Das wichtigste Schulprojekt der rot-roten Koalition geht in die entscheidende Phase: Nachdem Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gestern elf Bewerbern die Teilnahme an der Pilotphase genehmigte, können jetzt die Umbauten und Fortbildungen an den künftigen Gemeinschaftsschulen beginnen. Im Schuljahr 2008/09 werden die ersten Klassenverbände gebildet, in denen es weder Probehalbjahre noch Sitzenbleiben gibt und in denen alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden.

„Das ist eine Herausforderung, und ich liebe Herausforderungen“, ruft Margret Rasfeld, kurz nachdem sie erfahren hat, dass ihre Schule an der Pilotphase teilnehmen darf. Die 56-Jährige hat bisher eine Essener Gesamtschule geleitet und brennt auf den Neuanfang: auf eine Schule, in der sie die Kinder nicht mehr nach Leistung sortieren muss. Rasfeld ist Rektorin der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum – der einzigen freien Schule, die bisher in der Pilotphase dabei ist.

Dass die Evangelische Schule den Zuschlag bekommen hat, überrascht nicht. Sie galt schon lange als „gesetzt“, weil das Konzept überzeugte. Von den Bewerbern, die bis Anfang November noch im Rennen waren, sind drei freie Schulen und zwei öffentliche nicht mehr dabei, dafür kam eine noch zu gründende Schule in Pankow hinzu.

Alle elf genehmigten Projekte, hinter denen 15 Schulen stehen, bekommen pro Jahr 5000 Euro für Fortbildungen. Im Haushalt sind 5,5 Millionen (2008) und 8,5 Millionen Euro (2009) eingeplant, um die Pilotphase zu unterstützen. Bis 2011 sollen insgesamt 22 Millionen Euro fließen. Ein Großteil des Geldes wird für Ausbauten benötigt. Einige Schulen brauchen sogar neue Gebäude, weil sie künftig nicht nur Schüler von Klasse 1 bis 6 oder 7 bis 10 unterrichten, sondern von 1 bis 13.

Große Unterschiede gibt es bei der Ausgangslage der Schulen in Bezug auf ihre Schülerschaft: Einige Schulen haben schon jetzt leistungsstarke Kinder, weil sie seit langem zum Abitur führen, wie etwa die Fritz-Karsen- oder die Anna-Seghers-Gesamtschule. Andere Schulen müssen erst noch die entsprechende Klientel gewinnen. Schon jetzt ist absehbar, dass es nicht überall auf Anhieb gelingen kann, den gewünschten Anteil von mindestens 20 Prozent Gymnasialkindern zu gewinnen. So geht die Heinrich-von-Stephan-Schule, eine integrierte Haupt- und Realschule in Moabit, davon aus, dass es frühestens ab 2009 gelingt, die angepeilte Schülermischung zu erreichen.

Leichter wird es da etwa die Evangelische Schule Berlin-Zentrum haben: Sie kooperiert mit der Evangelischen Grundschulen Mitte und verzeichnet auch sonst eine große Nachfrage. Bei zwei Tagen der offenen Tür waren jetzt über 500 Interessierte zu Gast.

Auch die Hellersdorfer Mozart-Grundschule, die jetzt als Gemeinschaftsschule bis Klasse 10 „hochwachsen“ will, fürchtet nicht um eine gute Schülermischung. Etliche potentielle Gymnasialkinder wollten darauf verzichten, nach der 6. Klasse zum Gymnasium zu wechseln, berichtet Schulleiterin Sybille Stottmeyer. Sie erwartet, dass etwa 40 der 50 Sechstklässler einfach bei ihr bleiben.

Nicht ganz zufrieden ist die Linkspartei mit strengen Auswahl Zöllners: Noch im Sommer hatten über 60 Schulen ihr Interesse bekundet. Einige von ihnen waren zurückgetreten, weil die Schulgremien nicht dahinter standen oder der Standort keine baulichen Veränderungen zuließ. Andere hatten auf die Bewerbung verzichtet, weil die Bildungsverwaltung ihnen abgeraten hatte – mangels Aussicht, genügend gymnasialempfohlene Kinder anziehen zu können. „Hier hätte die Linksfraktion von der Senatsverwaltung mehr Zutrauen und Unterstützung erwartet“, sagte ihr bildungspolitischer Sprecher Steffen Zillich.

Folgende Schulen sind außer den genannten in der Pilotphase dabei: Moabit: Moses-Mendelssohn-Gesamtschule mit der James-Krüss-Grundschule, Spandau: B.-Traven-Gesamtschule, Neukölln: Heinrich-Heine-Realschule mit Rütli- Hauptschule und Franz-Schubert-Grundschule, Treptow: Sophie-Brahe-Realschule mit Grundschule am Heidekampgraben, Lichtenberg: Hermann-Gmeiner-Grundschule. Weitere Schulen können 2009 hinzukommen.
 

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